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Legion

Hallo, 

ich bin das Internet. Ich habe viele Namen und wenige Gesichter. Doch ich habe viele Meinungen. Ich kann dir jederzeit sagen, was richtig ist. Ich sage dir, dass dein Hintern zu dick ist, deine Beine zu dünn, dein Gesicht zu hässlich, deine Haare zu kurz, zu lang, zu hell, zu dunkel, dass du zu viel oder zu wenig isst, dich falsch kleidest und nicht die richtigen Nachrichten liest, um dir eine Meinung zu erlauben.

Ich sage dir, dass du dich schminken musst, dass du dich anders schminken musst, dass du dich lieber nicht schminken solltest. Dass deine Haut schlecht ist, zu fettig, zu trocken, zu faltig, zu blass, zu braun, zu tätowiert, zu gefiltert. 

Ich erkläre dir, dass deine Lieblingsmusik zum Kotzen und total lächerlich ist, dass dein Lieblingsspiel scheiße und die Grafik das Letzte ist. Dass dein Handy nichts kann und dein Lebensmodell zum Scheitern verurteilt ist. Und deine Ernährung erst, völlig verantwortungslos. 

Ich weiß, wann du zu traurig, zu wütend, zu albern bist, und gebe dir zu jeder Zeit darüber Bescheid. Wenn du dich nicht internetgemäß fühlst, sage ich dir, was du empfinden musst, du musst es dann nur noch machen. Gib mir, was ich will, werde ein Teil von mir, dann geht es dir besser. 

Ich sage dir, welche Fotos du von dir machen darfst, dass du mit DEM Profilbild gar nicht erst kommentieren solltest, deine sexuellen Präferenzen und geschlechtliche Identität, ich sage dir, was du wirklich denkst und weshalb du wie auf was antwortest. Nicht zuletzt sage ich dir immer, wenn du selbst schuld bist, weil du ja nicht schreibst und nicht zeigst, was man schreibt und zeigt, wenn man eine andere Reaktion will.

Ich weiß auch genau, was du brauchst und willst, gebe dir gern jederzeit darauf Antwort, egal, ob du sie willst. Ich frage nie selbst, denn ich bin das Internet. Ich hinterfrage schon gar nicht, denn das Internet ist allwissend und hat immer recht.

Mein Name ist Internet, denn wir sind viele. 

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Gesprächsnotizen

Ich höre seit ein paar Wochen einem guten Freund zu, wie er seine verflossene Beziehung verarbeitet. 

Manchmal, weil ich zu nett bin, meistens, weil ich ihm einfach zuhören möchte, oft, weil ich weiß, dass er zugehört zu haben braucht.

(Hier sei kurz gesagt: Er hat diesen Post vorab abgesegnet.)

Oft bekommt er Gegenwind von mir. Ich möchte euch erzählen, wieso.

Es ist wie eine dieser Geschichten. Sie betrügt ihn, sie verlässt ihn, er liebt sie, er möchte sie zurück. So oder ähnlich hundertfach in Büchern, Krimis, dem täglichen Leben vorgekommen. 

Ich horche immer da auf, wo Kausalitäten nicht hingehören, wo verallgemeinert und zu Unrecht gleichgestellt wird.

Und ich falte ihn. Oh, wie ich ihn manchmal falte. Auch wenn er derjenige ist, der weniger falsch gemacht hat, mag man sagen.

Doch der betrogene Mensch, der trotzdem wieder vertrauen will, stellt Forderungen, die nur auf den ersten Blick gerecht sind, und verlangt, was nur den Anschein von Vergeltung erweckt. 

Ich will sie und was wir hatten zurück. Aber irgendwann wird sie ihre Freiheit wollen. Wird etwas allein tun wollen. 

Nicht irgendwann. Immer. Von Anfang an. Und du gewährst ihr diese Freiheit, wenn du willst, dass sie bleibt. Egal, ob sie letztendlich bleibt oder nicht. Alles ist offen und du kannst dir das nicht von vornherein garantieren lassen.

Ich will ihr wieder vertrauen. Das wird ein harter Weg.

Für euch beide. Du musst ihr vertrauen wollen, darfst nicht verlangen, dass sie sich das irgendwie erarbeitet, während ihr beide nicht wisst, wie das gehen soll.

Sie darf dann nicht mehr eifersüchtig sein, ich darf ihr dann aber misstrauen, sie hat ja betrogen. 

Kein dürfen und müssen. Kein Gleiches mit Gleichem. Klare Worte. Verwahre dich gegen unrechtmäßige Forderungen nach Kontaktverbot, lebe aber damit, dass dein Misstrauen dein eigenes Problem ist, wenn du kommunizierst, vertrauen zu wollen.
Vertrauen ist zerbrechlich. Und schwer rekonstruierbar. Aber verspieltes Vertrauen, dass man sich wünscht, wieder haben zu können, macht einen nicht überlegen. Finde ich. Es ist okay, eine zweite Chance zu geben und zu fordern, dass sie genutzt wird. Es ist nicht okay, sich überzuordnen und Beweise zu verlangen. Druck auszuüben. Stärke zu demonstrieren durch „Du hast aber..“. 

Was man tut, ist die eigene Freiheit. Was man entscheidet. Mit jemandem zu reden ist kein Betrug. Der Betrug beginnt bei der Unehrlichkeit. Beim Verschweigen demjenigen gegenüber, der einem vetraut. Doch den Vertrauensbruch künstlich zu vergrößern, um den eigenen Anspruch auf Wiedergutmachung zu verstärken, finde ich verwerflich.

Dafür gebe ich ihm dann doch jedesmal einen Arschtritt. Arschtritte kann ich inzwischen ganz gut. 

😊

Lemmy

Ich habe schon mit 15 Lemmy als mein Idol auserkoren. Und nie was auf ihn kommen lassen.

Natürlich ist es kein adäquater Lebensstil, sich hauptsächlich von harten Alkoholika zu ernähren und Drogen zu konsumieren.

Abgesehen davon war Ian „Lemmy“ Kilmister aber ein Mann, der gesagt hat, was er dachte, stets unverblümt, und dessen Denke in vielem meinen Idealen entsprach. Bis heute entspricht.

Er hat Extremismus verurteilt. Er hat erklärt, weshalb für ihn Glaube nicht in Frage kommt. Wieso man Stärke zeigen muss im Angesicht der Anschläge in Europa – siehe Bataclan.

Und auch auf persönlicher Ebene hat er nicht verherrlicht oder entschuldigt, wie er lebte, aber immer dazu gestanden. 

Und dieses Standhafte, dieses Klare und Direkte, das habe ich mir schon immer zum Vorbild genommen. So wollte ich und will ich gern sein. Gern ohne täglichen Jack Daniels, ohne täglichen Rausch, ohne Koks oder was auch immer. 

Aber ich nehme mir diese positiven Eigenschaften mit und versuche, sie umzusetzen und weiter zu verbreiten. Denn ich denke, dass das eine gute und wichtige Message ist. 

It was the wolf in me.

And all my soul was fire.

Origami

‪Spuren auf der Seele sind wie ein Knick in dickem Papier. Man kann immer wieder darüber streichen, er bleibt trotzdem zu sehen. ‬

Wie über einen Knick in Papier streicht man auch über Spuren auf der Seele, nur nicht mit dem Finger, sondern mit neuen Erfahrungen. Welchen, die bestenfalls nicht wieder knicken, sondern glätten. Die beibringen, dass nicht alles böse Knicke hinterlässt.

Wenn man Papier oft genug glatt streicht, wird die Stelle, an der der Knick war, irgendwann glatt. Man sieht noch, dass da etwas war, weil sich Staub dort gesammelt hat, weil kleinste Risse immer zu sehen sein werden, aber irgendwann ist es nur noch eine farbliche Abweichung.

Wenn man Erlebtes oft genug anders erfährt, wird die Stelle, an der die Seele zerknickt ist, auch irgendwann glatt, hört auf, zu ziepen, und vernarbt. 

Das macht Therapie und das, was man daraus mitnimmt. Zumindest für mich. Und darüber bin ich sehr froh.

Mein Gaslighting-Ich

Dieses Ich macht nichts richtig und ist an all seinen Problemen selbst schuld. Egal, welche Schwierigkeiten aufkommen, ob beim Großen in der Schule, bei der Suche nach einem Kitaplatz für den Kleinen, ob eine kaputte Heizung oder ein Missverständnis bei der Arbeit. Dieses Ich sucht und findet immer eine Erklärung, warum es allein dafür verantwortlich ist und nicht um Hilfe fragen darf. Mehr noch, warum es sich dafür quälen und strafen muss.

Dieses Ich glaubt, dass es nichts verdient hat, das es glücklich macht. Dass auf eine Frage immer erst eine Demütigung folgen muss, ehe es erwarten kann, dass jemand etwas für es tut. Es verbietet sich die Vorstellung einer glücklichen, gleichberechtigten Beziehung, denn es hat ja nichts zu bieten außer seinen Problemen.  Es entschuldigt jedes Fehlverhalten eines anderen damit, dass es selbst etwas nicht richtig gemacht hat und es nicht besser verdient.

Wenn diesem Ich etwas Gutes widerfährt, wartet es nur nervös darauf, dass es dafür eine Klatsche kassiert, dass etwas Schlimmes das ausgleicht und die Freude kaputt macht, die sich deshalb erst gar nicht recht einstellen will.

Es macht ständig Vorwürfe. Faul. Unordentlich. Nicht genug. Nie genug. Wertlos. Peinlich. Zu wenig. Es braucht sie gar nicht auszuformulieren, das Gefühl der Minderwertigkeit ist immer präsent.

Ich wäre dieses Ich gern los, doch es ist über die Jahre ein Teil von mir geworden. Ich kann es nicht abschütteln, nur ändern. Denn ich habe noch ziemlich viel Leben vor mir und will das nicht damit verbringen, mir alles zu verbieten. Dafür bin ich zu wertvoll.

Zu viel Spiegel

Manchmal habe ich Angst davor, verliebt zu sein, so wie jetzt gerade. Ich finde jemanden toll. Innerlich zähle ich mir sermonartig auf, was mich alles zu jemandem macht, den man nicht haben will. Alle meine Unperfektheiten, die eigentlich gar nicht schlimm sind. Meine Macken. Charakterlich wie körperlich. 

Also bekomme ich Angst, das könnte „rauskommen“ und alle zeigen mit dem Finger darauf. Eine alte Angst. 

Entstanden in einer Zeit, in der auf jede meiner noch so winzigen „Unnormalitäten“ mit dem Finger gezeigt wurde. In der ich dafür ausgelacht und abgewertet wurde. Wie ein Sandstein, der gern ein Diamant wäre. 
Schade eigentlich, denn verliebt zu sein ist etwas Schönes. Ich mag es, versehentlich zu vergessen, was ich sagen wollte, wegen eines Lächelns. Ich mag zum Lachen bringen, weil mir das Lachen gefällt. Auf die Schippe nehmen, um eine intelligente Retourkutsche zu kassieren. Und man sucht sich schließlich nicht aus, dass das passiert. Es passiert eben. [schnipps]
Nur mich selbst dabei auf meine Fehler zu reduzieren, das mag ich nicht. 

Deshalb igle ich mich jetzt noch ein bisschen ein und warte, dass das vorbeigeht. 

Liebste Grüße aus dem Off

Lari

Das liebe Geld

Das mit dem Geld ist ja nicht nur bei mir ein immer mal wiederkehrendes Thema.

Es ist nicht alles, es macht allein auch nicht glücklich, es ist ungerecht verteilt und meistens ist zu wenig davon da.

Soweit der allgemeine Tenor.

Ich selbst habe einerseits lange gebraucht, um mit Geld richtig umgehen zu können, andererseits auch recht lange sehr bis zu wenig davon gehabt zum Leben.

Und ich hatte zum Glück viel Hilfe und zeitweise genug Jobs (naja, maximal 2. Lassen wir die Kirche im Dorf.) gleichzeitig, um das alles irgendwie zu wuppen.

In dieser Zeit baute ich Schulden ab, die ich zwar mit-, jedoch nicht allein verschuldet hatte. Wochentags in Vollzeit im Büro, wochenends in Teilzeit beim Pizzaservice. Von diesen Wochenenden habe ich gelebt, alles andere ging an die Gläubiger, 6 Monate lang, in denen ich glücklicherweise keine Miete zahlen musste, sondern bei meiner großartigen Mutter wohnen durfte.

Danach fing ich in kleinen Schritten wieder an, selbstständig zu werden. Doch trotz allem habe ich über die Jahre weiterhin jeden Cent zweimal umgedreht.

Jetzt bin ich bald zehn Jahre im Unternehmen, mein Einkommen ist also durchaus ein anderes. 

Ich arbeite in Teilzeit, natürlich der Kinder wegen, bekam noch nie Unterhalt, „nur“ Unterhaltsvorschuss. Immerhin ab Juli wieder für beide Kinder, was ich doch sehr schön finde. Bezahle für die Betreuung beider Kinder anteilig, was ich muss, bezahle Miete und Steuern, Versicherungen, Essen und Trinken, Freizeitlichkeiten, alles allein – und es geht uns gut. Ich frage mich nicht am Monatsersten, was wir bis zum Gehalt am 16. essen sollten, Tapete oder Moos. Sicherheitshalber schaue ich alle paar Wochen auf mein Konto und überschlage die Fixkosten des kommenden Monats. 

Neu ist seit etwa einem Jahr, dass ich dann überrascht feststelle, dass alles in Ordnung und im finanziellen Rahmen ist. Nachdem ich 12 Jahre lang ständig zu wenig Geld für alles mögliche hatte, lieber verzichtet habe, lieber zuhause blieb, lieber nur wünschte, statt mir zu kaufen, was auch immer – auf einmal kann ich.

Und – auch sicherheitshalber – bete ich mir dann immer wieder vor, dass ich das allein geschafft habe. Ich habe mir diesen Stand der Dinge erarbeitet und ich darf ihn genießen und mich darüber freuen. 

Es ist mein persönliches kleines Beispiel dafür, dass man eigentlich alles schaffen kann. Sowas ist wichtig.