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Was bisher geschah und so viel mehr ist.

07/06/2016

Mein großes Kind bekommt seit einer Woche Ritalin. Ich habe mich früher dagegen verwahrt. Meine Haltung war immer, mich erst einmal zu wehren, denn wie oft wird dieses oder ein gleichartiges Medikament verschrieben, wo es gar nichts helfen kann.
Als vor einer Woche, im Gespräch mit seiner Ärztin, auf einmal dieses Thema im Raum stand, habe ich schwer geschluckt. Doch fangen wir vorne an.

Mein Kind hat es nie leicht gehabt. Er ist per Zufall entstanden, in einer Beziehung, die nicht mal mehr Scherben war, vielmehr schon Staub. Sein leiblicher Vater war ein Monster, so habe ich ihn erlebt, viele Monate lang, doch es brauchte dieses ungeborene Leben in mir, um mich von ihm zu befreien. In einem Stuntmanöver mit den Ausmaßen eines kleinen Atomschlags habe ich mich von ihm befreit, als er mich auf der Autobahn durch den Wagen prügelte, denn es ging nicht mehr nur um mich, mein Kind war in Gefahr.
Darauf folgten Monate, in denen ich fieberhaft Schulden abarbeitete, die ich nicht gemacht habe, und mir diesen Mann vom Leib hielt. Das klingt grausam. Aber zuletzt stand er bei meiner Mutter vor dem Haus, sein Klingeln blieb ungehört, und brüllte der Fassade entgegen, er wisse genau, dass ich da drin sei, er wolle nur reden, ich solle mich raustrauen, dann würde er mir schon nichts tun. Ich erwiderte nur, das Kind könne meine Angst fühlen. Schließlich ging er. Ich solle mich raustrauen, er würde mir schon nichts tun. So wie die letzten Male?

Szenenwechsel. Seine Geburt war ein Kraftakt, aber das ist sie immer, denke ich. 21 Stunden Wehen, zwischendurch innehalten, das Kind liegt nicht richtig, es hat den Kopf seitlich verdreht, es hat die Nabelschnur um den Hals, wir müssen sehen, dass wir am Notkaiserschnitt vorbeikommen. Dann hatte ich ihn im Arm. Er war perfekt. Mein wunderschönes Kind.

Ich war eine Anfängermutter und mein Großer kein Anfängerkind. Wie ich es nicht gewesen bin, und ich war auch die Älteste. Seine Tagesmutter, als ich wieder arbeiten musste und er 13 Monate alt war, war zum Glück resolut und dennoch liebevoll, wie viel hat sie gut gemacht. Allein einschlafen konnte er nicht, bis er drei war. Stundenlang habe ich an seinem Bett gesessen. Er war nie sehr körperlich, Umarmungen und Kuscheln sind bis heute selten, aber er mochte nie allein sein. Wenn ich da war, war alles gut.

Im Kindergarten hatte man es schwer mit ihm am Anfang. Er wollte sich nicht in Regeln und Abläufe fügen, sprang immer wieder aus dem Kasten, ein kleiner Teufel. Da stand es das erste Mal im Raum: ADHS. Dieses Fluchwort, dieser Segen einer Erklärung, so empfinde ich manchmal, dass es bei anderen Eltern ankommt. Dieses „Er ist nicht normal.“ Gleichzeitig wollte er so verzweifelt dazugehören, litt unendlich darunter, nicht zu sein „wie alle anderen“, wollte so gern ein Teil der Gesellschaft sein, in der er sich bewegte, konnte es nur einfach nicht.

Dann die Einschulung. Vom ersten Tag an hat er seine alte Schule gehasst. Jeder Morgen, an dem er zur Schule gehen musste, war ein Kampf. „Ich will nicht. Es macht keinen Spaß! Die mögen mich nicht!“ Und was ich in Lehrergesprächen erlebte, war ähnlich. „Er ist schwierig, es ist alles sehr schwierig, Sie müssen etwas unternehmen!“ Jedesmal traf ich auf diese diffuse Hilflosigkeit. Jedesmal musste ich selbst nach konkreten Gründen fragen.

Und erlebte, dass mit mir ganz anders gesprochen wurde, wenn man vermeindlich mit mir, der so jung wirkenden Mutter, allein war. War jemand bei mir, wurde Tacheles geredet – mit demjenigen, nicht mit mir. Ich sah ja aus wie Anfang zwanzig und KONNTE ja gar keine Ahnung haben. Ich saß daneben, als eine ältere Lehrkraft ihn bezichtigte, ihre „Zeit verschwendet“ zu haben.

Kurz, das erste Schuljahr war ein Graus.

Dann sollte er wiederholen. Kam wieder in einer Klasse an, kannte wieder niemanden. Ich gab mein Bestes, da zu sein, überall mitzumachen, alles. Doch es war egal, mein Kind war der Böse.

Ich war mit ihm inzwischen in einer kinder- und jugendpsychologischen Praxis gewesen, hatte nach bestem Wissen und Gewissen erzählt, was los war, dass ich Hilfe suche auf eigene Faust. Er ging durch eine Diagnostik, ich besuchte ein Elterntraining, alles allein, denn die Schule „konnte nicht“, „hatte keine Kapazitäten“, „wusste nicht“.

Dann kam der Schulwechsel. Eine kleine Schule in einer kleinen Stadt, man hieß ihn willkommen, man sah, was für Schwierigkeiten er hatte, man suchte das Gespräch mit mir und bot mir Lösungen an. Lösungen wie „wir begleiten Sie“. Wie „Fragen Sie, wenn sie nicht sicher sind“. Wie „Wir haben da noch eine Idee“ und „Erzählen Sie, wie es mit <diesem und jenem> lief“.

Jetzt ist mein Großer, mein Junior, seit einem Monat in der Klinik, einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er ist nicht verrückt oder nicht händelbar, es soll einfach ein Weg gefunden werden, wie er es einfacher haben kann. Ich erwarte nicht, dass ICH es dadurch einfacher habe, das war nie die Intention. Egal, was ich dazu beitragen kann, ich werde es gern tun. Es ging nur darum, herauszufinden, womit er es schwer hat, was GENAU sein Problem ist, und eine Lösung zu finden.

Zunächst hat er sich eingelebt. Hat gelernt, die dortigen Regeln zu befolgen und Rituale einzuhalten.

Jetzt kam dann, vor einer Woche, der erste Vorschlag, dem beizukommen: Ritalin. Bzw., genau genommen, Ritalin und weitere Vertreter mit dem gleichen Wirkstoff, die aus verschiedenen Gründen in Betracht kamen. Und es hat ihm vom ersten Tag an Linderung verschafft. Er ist in der Lage, in Strukturen zu denken. Es ist, als wäre ein Blockade in seinem Kopf gewesen, eine Blockade aus Unruhe und dem Zwang, in Lichtgeschwindigkeit und mit absolutem Hochdruck auf JEDEN Reiz reagieren zu müssen, den ihm das Medikament einfach nimmt.

Mein Kind hat scheinbar endlich die Chance, Kind zu sein.

Ich habe mich vorab aufklären lassen, über jede Kleinigkeit, über alles, was das mit ihm macht, Nebenwirkungen, wie sie überwacht werden, Veränderlichkeiten, alles. aber die Essenz ist: Es tut ihm gut.

Er sagt von sich aus, dass es ihm besser geht damit. Und mutmaßt, dass das an der Tablette liegt, nicht an ihm. Aber die Wahrheit ist, es liegt an der Tablette, dass er sehen kann, was er KANN. Was ihm möglich ist, wenn sei unruhiger Geist ihn lässt. Dass er Ruhe findet in sich und mit all dem arbeiten kann, was er aufnimmt, auf das er aber in seiner Unruhe nicht zugreifen kann. Jetzt kann er es doch und wertschätzt das filigran und total bewusst. Das ist ALLES wert.

Und das ist für mein Kind und seinen inneren Frieden so unschätzbar wertvoll. Für dieses Wissen, einfach nur darum, würde ich nochmal durch diese Hölle gehen.

Ich weiß, dieser Post ist sehr persönlich, zum Teil sehr lückenhaft und nicht frei von Rechtschreibfehlern. Aber er beinhaltet sehr viel Liebe. Das zählt.

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From → Ganz viel Liebe!

12 Kommentare
  1. Ich war schon immer Pro Ritalin weil ich mich schon sehr frühzeitig und sehr umfassend mit dem Krankheitsbild auseinandergesetzt habe und auch einige Erwachsene kannte denen es mit Medikation deutlich besser ging. Ich habe mit Grausen beobachtet wie die Gesellschaft die Diagnose ADS/ADHS und die rettenden Medikamente zunehmend misbrauchte und es so tatsächlich Betroffenen nahezu unmöglich machte diagnostiziert und therapiert zu werden. Ich hoffe der „Hype“ wird in den nächsten Jahren noch weiter abklingen und die Fälle beschränken sich dann nur noch auf die wirklich Betroffenen. Und dann wird das alles hoffentlich nicht mehr so dramatisiert und es wird überall ok sein diesen Kindern Medikamente zu geben so wie es ok ist Zuckerkranken Kindern Insulin zu geben.

    • Danke dir dafür, so sehr hoffe ich es. ❤ (und davon ab: Du bist schuld sn meinem "Blau wie das Meer"-Ohrwurm!)

  2. truffi permalink

    I am with you. Always.

  3. Oliver Kalitowski permalink

    Wow! Ich bin reichlich beeindruckt über so viel Offenheit. Und gleichzeitig ohne Übertreibung traurig oder vielleicht besser betroffen. Weil Du es so schwer gehabt hast. Weil Du früher, als ich dich noch beinahe täglich sah, immer so einen unbeschwerten fröhlichen Eindruck gemacht hast und weil ich aus eigener Erfahrung weiss, wie schwer es ist, sich das zu bewahren.
    Glücklich macht mich dann aber wieder, das Du es trotz allem offenbar geschafft hast, dazu auch noch Mutter zu sein und eine liebende dazu. Und das gleich mit zwei so Kurzen. Das du soviel Geduld, Zeit und Liebe aufbringt und dich für deine Kids so stark machst. Wer hätte gedacht, das aus diesem kleinen langhaarigen und knuffigen Scherzkeks mal so ne toughe Mama wird…

    Nun, was der Jung braucht, soll er bekommen. Und offenbar hast Du das alles genau geprüft und bist zu einer Lösung gekommen, die für ihn funktioniert. PUNKT.
    Alles andere ist nicht so wichtig.

    Ich drück dir die Daumen das Du auch weiterhin alles so gut hinbekommst, ist ja alles nicht immer so leicht. Ich hab mir das nie wirklich zugetraut.
    Bleib wie Du bist, denn Du bringst Sonne ins Leben :-*

    • Ich bin immer gern zur Arbeit gegangen. „Bei euch“ war ich in Sicherheit. Das hat mich durch eine lange Zeit gerettet, als es nicht so einfach war. ☺️

  4. Lady_Darkness69 permalink

    Du sprichst mit deinem Bericht mir aus der Seele, ich hab auch ein Kind das mit Lernschwierigkeiten zu kaempfen hat, als Kleinkind sprachverzögerung hatte.
    Ich kann mich gut reinversetzen in deine Situation, weil ich auch seit jahren am kämpfen bin, damit sie einigermaßen gut durch die Schule kommt.
    Sie ist jetzt 13 und seit ca 3 Monaten Medikinet fuer ihre Konzentrationschwierigkeiten.
    Wir sind noch am austesten wie hoch die Dosierung sein muss.
    Sie sträubt sich noch immer dagegen, weil sie einfach schon von klein an immer irgendwelche Therapien bekommen hat, Logopädie, Erhotherapie, psychotherapie und das naechste wird jetzt eine Rechentherapie werden, wegen ihrer Rechenschwäche ( Dyskalkulie)

    Die Entscheidung fällt keiner Mutter leicht, aber wenn man sieht das es ein wenig dem Kind hilft, dann ist es das wert zu kaempfen.
    Mach weiter so
    Lg
    Diana
    Aber ich versuche halt auch ihr so gut es geht das Leben zu erleichtern.

    • Natürlich, das will man immer. Mein Sohn ist acht und kommt fachlich gut mit, ihn bremst seine eigene Geschwindigkeit aber aus. Ich habe außer Ergotherapie vorher nichts machen können, ich wusste einfach nicht, wie. Jetzt scheint dank des Medikaments seine innere Uhr ein bisschen langsamer zu ticken und für ihn ist das total erholsam.

  5. Mein AD(H)S wurde erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. In meiner Kindheit war ADHS „normalen“ Ärzten kaum bekannt, gab nur wenige Spezialisten, die ADHS kannten und es auch diagnostizieren konnten. Und die fand man damals fast ausschließlich in Universitätskliniken. Also weit, weit weg von meinem Wohnort.

    So wurde mir im zweiten Schuljahr von einer Kinderpsychologin nur eine nicht näher definierte „Entwicklungsstörung“ bei sehr hoher Intelligenz bescheinigt. Dies bewahrte mich vor der Abschiebung auf eine Sonderschule. Meine Grundschullehrerin hielt mich aufgrund meiner damaligen Verträumtheit, meiner Ablenkbarkeit, meiner langsamen Lerngeschwindigkeit und den Schwierigkeiten in Mathe schlichtweg für geistig behindert.

    Bei mir ist die Hyperaktivität recht wenig ausgeprägt, ich bin eher der „Träumer“. Aber meine ständige, nie verschwindende innere Unruhe und Angespanntheit und die ständigen Kämpfe um alltägliche Kleinigkeiten ließen mich 30 Jahre später zusammenbrechen. Ein „Burnout“. Auf die Vermutung, daß ich ADHS haben könnte, kam ich selber, nachdem ich ein Interview mit einem ADHSler im Fernsehen gesehen habe. Ich fühlte sofort, daß seine Schilderungen fast 1:1 auf mich zutreffen. Ich lies es ärztlich abklären und nach den Auswertungen der Untersuchungen und Tests war die Diagnose sehr deutlich: ADHS, vorwiegend unaufmerksamer Typus.

    Für mich als erwachsener Mensch war bereits die Diagnose eine Erlösung. Mein diffuses Lebensgefühl der Unzulänglichkeit und des Andersseins hatte einen Namen. Nach einer Ergotherapie, bei der ich mein ADHS-typisches Verhalten in bestimmten Situationen näher kennen lernte, bekam ich erstmals Medikinet verschrieben. Was eine Erleichterung, welch ein Segen! Das erste mal in meinem Leben konnte ich wirklich entspannen. Das war wie eine Tür in ein anderes Universum. Ich konnte Dinge ohne großen Kampf erledigen und war sehr viel weniger erschöpft. Nur weil mein Reizfilter mit diesem Medikament halbwegs funktionierte.

    Die Diagnose ist jetzt bereits ein paar Jahre her. Medikinet nehme ich inzwischen nicht mehr regelmäßig, sondern nur noch bei Bedarf. Mein Leben und Erleben hat sich radikal zum Positiven hin geändert. Ich kann inzwischen mit meinem ADHS sehr gut jonglieren, es ist ein Teil von mir, den ich sehr mag. Klippen weiß ich zu umschiffen und wenn ich Dinge mal nicht so gut hinbekomme, überreizt bin oder wieder mal von meinem echt miesen Kurzzeitgedächtnis genervt bin – scheiß drauf, so bin ich, ich mache mir da keinen Stress mehr, ich habe aufgehört mich mit der „Normalität“ zu vergleichen.

    Es ist toll von dir, daß du dich entschlossen hast, auch eine medikamentöse Behandlung ins Auge zu fassen. Ich freue mich für dein Kind, daß er auf Methylphenidat so gut anspricht. Es wird ihm viel Negativ-Erfahrung ersparen. Wenn er Glück hat, wird sich die Symptomatik während der Pubertät abschwächen, wenn nicht sogar weitgehend verschwinden. Wenn nicht – dann wird er wahrscheinlich gelernt haben, damit umzugehen und den „Nachteil“ in etwas Positives zu verwandeln. Ich wünsche ihm viel Glück!

    • Danke schön, sowohl für deinen Bericht als auch die guten Wünsche. Ich denke, bei mir selbst wäre es als Kind auch festgestellt worden und in der Pubertät ist es, wie du es als Möglichkeit beschreibst, abgeschwächt. Doch ich kann mich dadurch wohl gut mit vielem identifizieren, was mein Kind im Moment erlebt.

  6. Danke das ich mitlesen darf.
    Ich beschäftige schon sehr lange mit dem Thema.
    Bei meinem Großen wollte man mit ADHS einreden. Es war totaler Blödsinn und gut, dass ich mich gewehrt habe bis heute.
    Seit ich meine Frau kenne, weiß ich auch praktisch was ADHS ist. Sie wird jetzt Ca seit einem Jahr behandelt und ich sehe es kommen, dass unser Kleiner es geerbt hat. Er ist aber erst 3, also noch viel Zeit zu warten, beobachten und steuern.

    Hier erstmal: Alles Gute für deinen Sohn!

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