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Warum Metal?

16/10/2014

Persönlichen Geschmack kann man nicht erklären, dachte ich immer. Aber versuchen kann man es immerhin.

Ich höre gerade Mystica von Axel Rudi Pell und frage mich, wieso ich ausgerechnet diese Art Musik so liebe.

Vorgemacht hat mir das keiner als Kind. Soweit ich mich erinnere, war mein einziger Kontakt mit kommerzieller Musikmache bis ich 14 war NDR2, schlicht, weil meine Mutter nun mal immer diesen Sender im Auto hörte. Ich habe zwar ab und zu eine ihrer Schallplatten hören dürfen, erinnere mich da aber nur noch dunkel an Simon & Garfunkel und The Mamas & The Papas.

Warum also Hardrock, Metal, das?

Mein erster Freund hatte ein paar CDs. Ganz sicher bin ich bei

Blind Guardian – Imaginations from the other side
GammaRay – Powerplant und Somewhere out in Space
HammerFall – Glory to the Brave
Iced Earth – Something Wicked this Way comes

Damit fing es an. Doch irgendwas muss diese Musik gehabt haben, denn die Romanze war nach drei Monaten Geschichte und man meint, ich müsste damit auch alles andere weggeschubst haben.

Trotzdem weiß ich sogar noch diese Albentitel. Und hab sie natürlich selbst noch im Regal stehen, neben zig anderen.

Stattdessen habe ich das immer wieder gehört, Stücke gefunden, die genau ausdrückten, wie es mir grad ging. Die aus der gekränkten, wütenden Haltung Entschlossenheit machten, die Sicherheit, dass das vorbeigeht, dass alles besser wird. Und das habe ich seitdem immer wieder. Egal, wie fest ich mich mal wieder gefahren hatte. Egal, was mir grad wieder zuviel wurde. Wird. Es gibt immer Musik, die mich davon abhält, darin stecken zu bleiben oder darunter zusammenzubrechen.

Ich mag die Texte. Sie erzählen zum Beispiel Geschichten, von Monstern und Einzelkämpfern, von Übernatürlichem, Unerklärlichem, Heldentum und Tapferkeit, Gruselgeschichten oder Weltraummissionen. Geschichten voller Gefühle. Hoffnung, Freude, Gewissheit, Verzweiflung, Traurigkeit, das ganze Spektrum. So oft mit einer konkreten Erklärung, nicht nur vage auf eine unerläuterte Situation hindeutend. Wenn man Geschichten sowieso mag, ist das wohl schon ein guter Grund. Und wenn das echte Leben gerade zuviel ist, kann man Kopfhörer aufsetzen, die Augen zumachen und böse Verräter oder gefährliche Unterweltlichkeiten zur Strecke bringen, durch bloßes Zuhören. Es sind Texte voller „für immer“, voll Verlässlichkeit und klaren Grenzen zwischen gut und böse, in die man einen Moment flüchten kann, wenn draußen grad alles zuviel ist.

Ich mag die Gitarren. Selbst spielen kann ich nicht, aber es gibt Stücke, da glaube ich, jede Gitarrenspur fühlen zu können – es mag verrückt klingen. Das drückt manchmal soviel aus, was man nicht in Worte fassen kann. Ein Solo kann mich in eine Vergangenheit zurückversetzen und Erinnerungen beschwören, wie das kein später Abend und kein Alkohol kann.

Ich mag die plakative Demonstration von Zusammenhalt, die diese Szene vermittelt. Nicht jeden Aspekt. Manche Tendenzen, sich auch untereinander abgrenzen zu wollen, unbedingt „härter“ oder „böser“ sein zu wollen, unbedingt jemanden verachten zu müssen, um sich selbst noch besser finden zu können, die menschlich sind und die einem immer und überall begegnen, nerven mich furchtbar. Aber irgendwie sind wir immer „die Metaller“, „die schwarzen Leute“. Es ist natürlich ein Spielzeug, es ist sehr leicht, die abgrenzende Wirkung zu nutzen – und das habe ich oft genug gemacht. Sich als böse und abweisend darzustellen hilft manchmal, um in Ruhe gelassen zu werden. Und in Schwarz, behängt mit Totenköpfen und stilisierten Waffen und Kreuzen, ist das ein Kinderspiel. Gleichzeitig weiß jeder vernünftige Mensch, dass das nichts zu sagen hat. Glaube ich. Jeder „Metaller“, den ich kenne, ist ein ganz normaler Mensch, keiner frisst kleine Kinder oder führt Blutrituale durch.
Das mag für andere weniger oder gar nichts bedeuten, für mich macht es viel aus. Der Zusammenhalt ist nicht gespielt. Der ist da. In einem langen Gespräch mit einem Freund, der musikalisch mehr bei sogenannter „Chartmucke“ zuhause ist, habe ich überrascht festgestellt, dass das nicht selbstverständlich ist. „Bei uns kümmert sich jeder um sich selbst.“ Hm. Ihn wiederum wunderte es, dass „bei uns“ Courage irgendwie etablierter ist. Ich habe nie Angst, auf einem Festival allein unterwegs zu sein, weil ich oft genug erlebt habe, dass selbst der Betrunkenste eher von seinem besten Freund in den Schwitzkasten genommen wird als mir erfolgreich zu nahe zu kommen. Wildfremde Menschen stehen für dich auf, helfen dir, einfach so, weil man das so macht. Und das nicht, weil man zufällig eine zierliche, niedliche junge Frau ist. Es ist wesentlich egaler, wie man aussieht, ob man alt oder jung, schlank oder dick ist. Ich bewege mich freier, wenn ich nicht dauernd auf mein Äußeres reduziert werde. Lieber sitze ich mit Männern und Frauen in bunt benähter Jeanskutte und schwarzer Lederkluft bei Bier aus einem Plastikbecher an einem Tresen, als mich in einem angesagten Clubsessel bei Cocktails mit niemandem unterhalten zu können. Da könnte ich mich auch anpassen, da sitzen in Jeans und Top und aussehen, als ob ich da hingehöre, aber ich fühle mich angestarrt und habe erlebt, wie man sich beweisen muss. Man muss wen kennen, man muss den richtigen Kleidungsstil haben oder die richtige Meinung haben. Das möchte ich nicht müssen.
Das ist wohl meine wichtigste Begründung. Deshalb Metal.

So. Kopf leer. Danke fürs Zulesen.

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4 Kommentare
  1. Sandro permalink

    Ein wunderschöner Text. Echt nachfühlbar, danke!

  2. Sehr schön geschrieben. 🙂
    Ich hab gerade die Sache mit dem Zusammenhalt schon oft erlebt.

Trackbacks & Pingbacks

  1. Kreativitätsbeschallung | larifariabel

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