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Von Liebe und Krieg

31/12/2013

Mein Urgroßvater ist im Krieg geblieben.

Seine 4 Kinder hat er kaum vier, fünf Mal gesehen. Meine Urgroßmutter war meist allein mit ihnen. Sie lebten in Ostpreußen, er war zuletzt in Serbien stationiert.
Er schrieb ihr, was immer er über die Truppenbewegungen daheim erfuhr. Als es bedrohlich wurde auch, dass sie die Kinder nehmen und fliehen soll. Sie tat es. Knapp verpassten sie eine Passage mit der Wilhelm Gustloff. Mein Glück, möchte ich heute sagen.
Stattdessen ergatterten sie eine Passage mit der „MS Deutschland“. Irgendwo in diesen Wirren des Jahresbeginns 1945 ging auf dieser Flucht mein Großonkel verloren. Er war 5 Jahre alt, seine Mutter hatte drei weitere Kinder zu beschützen, gab also nach kurzer Suche auf und klammerte sich an die Hoffnung, er würde es schon irgendwie schaffen.

Doch sie schrieb ihrem Mann. Berichtete vom verlorenen Kind. Und er handelte sofort. Ließ sich nach Ostpreußen versetzen in der Hoffnung, seinen Sohn finden und da rausholen zu können. Und galt ab April ’45 als verschollen.

In Schleswig-Holstein angekommen, setzte meine Urgroßmutter alles daran, sowohl über den Sohn als auch den Mann etwas in Erfahrung zu bringen, und gleichzeitig mit Näharbeiten sich und die drei verbliebenen Kinder über Wasser zu halten und mit dem Nötigsten zu versorgen. Über das rote Kreuz gelang es ihr, meinen Großonkel schließlich wiederzufinden. Er hat nie darüber gesprochen, was er in den Monaten, die er verschwunden war, erlebt hat.

Meine Urgroßmutter weigerte sich, ihren Mann für tot erklären zu lassen, bis 1953, und verzichtete damit auf jede Unterstützung, die ihr als Witwe zugestanden hätte. Dennoch nähte sie für sich und ihre Kinder, für Nachbarn und Bekannte und schließlich für echte Kunden. Bis sie sich ein eigenes Haus leisten konnte.

Erst dieses Jahr erfuhr ich, was aus meinem Urgroßvater wurde: Er fiel im April 1945 in Ostpreußen. In den letzten Kriegstagen. Und hat nie erfahren, was aus seiner Familie wurde.

Doch er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um sein Kind zu retten. Seine Frau hat aus nichts für ihre Kinder eine Existenz geschaffen. Das hat mich tief beeindruckt.

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3 Kommentare
  1. Sehr berührend Larifariabel! Ihre Texte (oder darf ich Du sagen) sind wirklich immer genau treffend. Ich wünschte, ich hätte diese Gabe der Formulierungen. Aber zum Glück gibt es diesen Blog.

  2. muellermanfred permalink

    Es gibt so viele Geschichten aus dieser Zeit, die wir nicht kennen. Manchmal habe ich mir gewünscht, ich hätte von meinen Großeltern darüber erfahren, doch sie haben nie über irgendetwas davon gesprochen. „Dafür bist du zu klein.“ Und jetzt sind sie nicht mehr da und alles, was bleibt, sind die Folgen, die manchmal rätselhaft erscheinen. Und Wunden hinterlassen, noch in der nächsten und übernächsten Generation, immer schwächere zum Glück, doch das Böse wirkt noch. Und verrecken will es auch nicht …

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