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Die Zähmung der Synapsen

29/10/2013

Ich habe eine von diesen unsichtbaren Krankheiten. Eigentlich keine Krankheit, sondern eine Störung. Eine posttraumatische Belastungsstörung. Weil das ein furchtbar langes und holpriges Wort ist, sogar zwei, kann man die ganz toll abkürzen: PTBS. Kurz und knackig. Eine PTBS passiert dann, wenn sich jemand über längere Zeit, zum Beispiel eineinhalb Jahre lang, in bestimmten Lebensumständen bewegt hat. Eine Umgebung, die es erfordert, dass man sich ständig ganz sicher sein muss, wie die Menschen um einen herum reagieren, wie sie funktionieren, wie man sich selbst zu verhalten hat, weil davon die eigene Unversehrtheit abhängig ist. Klingt nicht gemütlich, ist es auch nicht. In dieser Umgebung fängt die PTBS an, zu arbeiten. Sie bildet Synapsen im Gehirn. Diese Synapsen sind wie Schlussfolgerungen, wenn-dann-Funktionen. Wenn ich falsch reagiere, dann wird mir weh getan. Wenn ich nicht weiß, was die falsche Reaktion ist, dann muss ich Angst haben. Angst, das Falsche zu sagen oder zu tun.
Nun kommt also irgendwann der Tag, an dem man aus dieser gefährlichen Umgebung wieder herauskommt. Das ist zumindest jedem zu wünschen. Man kehrt also zurück in die „normale“ Welt, in der nicht eine ständige Bedrohung einen begleitet. Doch man bringt seine Synapsen mit. Die sind nun einmal da und können nicht einfach amputiert oder weggelöscht werden, ich habe es versucht, es geht nicht. Wann immer eine Situation auftritt, in der man nicht genau weiß, was von einem erwartet wird oder was auf einen zukommt, fangen diese Synapsen an, zu rotieren. Panik zu verbreiten, die man nicht richtig zuordnen oder erklären kann. Es ist die unterbewusste Befürchtung, etwas falsch gemacht zu haben, und dass einem dafür weh getan wird. In diesem Fall hatte ich allen Grund dazu, denn meine gefährliche Umgebung bestand aus einem selbst schwer gestörten Menschen, der willkürlich entschied, dass etwas mal falsch und mal richtig war.
Wenn zuviel gleichzeitig auf mich zustürmt, das diese Unsicherheit von richtig und falsch mitbringt, dann kann ich gar nichts mehr tun. Dann starre ich diese Erwartungen an mich an wie ein Reh die Scheinwerfer eines heranrasenden Autos, unfähig zur kleinsten Bewegung, weil mir die Kontrolle fehlt in Form des Wissens darum, was in den Augen einer unsichtbaren, dritten Instanz „richtig“ wäre. Weil mein Unterbewusstsein darauf programmiert ist, zu reagieren, und zwar so, wie es von mir erwartet wird, um mich vor der Gefahr, vor Schlägen und Schmerzen, zu schützen.
Nun könnte man mir sagen, dass ich doch selbst denken kann. Dass ich selbst entscheiden kann, schließlich bin ich doch ein freier Mensch. Ja. Das bin ich. Und wieder nicht, weil da nämlich eben noch die Synapsen sind. Ich brauchte diese Sicherheit so lange, weil davon mein Leben abhing. Was ich dagegen tun kann, habe ich in einer Verhaltenstherapie gelernt: Reflektieren. Mir klar machen, welche Möglichkeiten es gibt, was ich befürchte, das passieren könnte und welche Alternativen dazu existieren. Und welche davon die wahrscheinlichste ist. Das klingt furchtbar kompliziert für einfache Dinge wie das Fragen um Hilfe oder das Anbringen einer Bitte, eines Wunsches oder gar einer Beschwerde. Aber genau für solche Dinge wurde ich damals gequält und erniedrigt. Und wenn das Unterbewusstsein das erwartet, ist man sehr schwer dazu zu bewegen, sich einfach unbeschwert darauf einzulassen.
Dann lieber analysieren, reflektieren und nach und nach wieder lernen, dass es nicht gefährlich ist, und dass es durchaus noch andere Danns gibt.
Das ist zumindest ein Weg. Und für den bin ich dankbar.

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4 Kommentare
  1. Wann immer du ein Stück Weg gemeinsam gehen möchtest, bin ich da.

    Always.

  2. Peter S. permalink

    Wir kennen uns nicht, haben uns noch nie in die Augen geschaut.
    Aber fühl Dich sanft umarmt.
    Pass auf Dich auf.

Trackbacks & Pingbacks

  1. Ursachenforschung | larifariabel

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