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Politik, die keine ist.

20/10/2013

Neulich hatte ich mal wieder ein paar meiner liebsten Kinderbücher in der Hand. Wisst ihr, woher ich den größten Teil meiner Einstellung und Überzeugung zum Leben im Allgemeinen habe? Genau!

Und ich rede nicht von heldenhaften kleinen Mädchen in der Prärie (Delias Abenteuer), mutigen Räubertöchtern (Ronja), kleinen Jungen, die mächtigem Bösen entgegentreten (Märchenmond, Schatten über Fraterna, hunderte andere) oder den romantisierten Geschichten von Karl May. Auch meine ich nicht, dass mir eine politische Überzeugung gewachsen ist, weil ich diese Bücher gelesen habe. Ich war bei den meisten noch keine zwölf, und Politik liegt einem in dem Alter fern, soviel und so gern heutzutage alles Mögliche politisiert werden soll. Auch Benjamin Blümchen hat mich nicht zu einem anarchistischen Feind der öffentlichen Ordnung erzogen, für ein Kind ist es einfach okay, wenn es Gut und Böse gibt und Gut am Ende gewinnt. Und mal ehrlich – dass für Kinder eine höhere „Macht“, die irgendwas verbietet oder verhindert, sowieso durchgehend vorhanden ist, hat nichts mit den Grünen oder der Antifa zu tun, sondern schlicht mit Eltern. Klar kann man als Erwachsener, mit viel breiterem Allgemeinwissen und gerade mit viel Verständnis für Politik und Verhältnismäßigkeiten, eine Menge in so eine Geschichte hineininterpretieren. Auch und vor allem viel mehr, als die Kinder es tun, die die Zielgruppe für diese Geschichten bilden. Als Mutter und als ehemaliges Kind möchte ich aber mehrfach unterschreiben: Kinder denken nicht so. Kinder beschließen nicht, später einmal Molotowcocktails in Regierungsgebäude zu werfen, weil der Bürgermeister einmal dem Neustädter Zoo das neue Affenhaus verwehren wollte. Kinder haben ein herzwärmendes, simples Empfinden für Ungerechtigkeit, das in genau diesem Moment, in genau dieser Geschichte lebt, und differenzieren wesentlich besser als wir Großen alle zusammen verallgemeinern. Und das, was Kinder aus diesen Geschichten von Gut und Böse lernen, ist viel existenzieller, als es verworrene Politik und lange, langweilige Reden für kleine Ohren und Köpfe je sein können.

Was all diese Geschichten mir nahegebracht haben: Es ist gut, ehrlich zu sein. Es tut nicht weh, Fehler einzugestehen. Wenn man jemandem hilft, ist das ein schönes Gefühl. Wer dich liebt, der akzeptiert auch dann deine Meinung, wenn sie nicht seiner entspricht. Man appelliert nicht an die Dankbarkeit eines anderen, auch, wenn man sie innehat. Respekt hat viele Facetten. Er fängt schon beim Zuhören an und da, wo man dem anderen seine Meinung lässt. Gleiches mit Gleichem zu vergelten ist falsch. Die richtige Entscheidung ist nicht immer der leichteste Weg. Du kannst dich einsetzen und einfach nur mit einem guten Gedanken viele Menschen erreichen. Keine höhere Macht belohnt dich dafür, das Richtige zu tun, denn das Leben hat keinen Autor oder Erzähler, aber wenn du fähig bist, dich selbst zu mögen, weil du denkst, dass du das Richtige tust, ist es die beste Belohnung. Ganz viele Werte, die schön kitschig klingen, aber heutzutage überholt erscheinen, veraltet oder nicht praktikabel, die belächelt werden.

Nun stoße ich also mit dieser Sicht häufig auf Unverständnis, und traurigerweise wundert mich das noch nicht mal. Es geht dabei schließlich nicht um einen messbaren Profit, und genau das ist dann die Frage: „Was hast du denn davon?“ Fast jede Antwort ist ein Vielleicht. Vielleicht treffe ich denjenigen irgendwann noch einmal. Vielleicht erinnert er sich daran, wie ich ihn behandelt habe. Vielleicht wünsche ich mir irgendwann einmal das gleiche Verständnis, das ich heute entgegenbrachte, und vielleicht erfahre ich es wegen dem, was ich heute tat. Vielleicht konnte ich etwas von dem vermitteln, was ich denke. Vielleicht gibt es jemandem ein besseres Gefühl. Ganz sicher ist: Ich denke, dass ich das Richtige tue. Das habe ich davon.

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9 Kommentare
  1. Ich liebe dich. Nachts, kurz vor 4, allein im Hotel.

    Danke für diesen großartigen Beitrag! :*

  2. Besser kann man ein Statement mit Herz und Geist nicht schreiben. Einfach Zauberhaft. <3~!!

  3. Einmal mehr weiß ich warum ich Dich so sehr schätze: Wegenweil Herz am rechten Fleck, plus gesunder Menschenverstand. ❤

  4. muellermanfred permalink

    Es gibt so viele Konzepte, die schon sehr lange sehr richtig sind und gut funktionieren, die werden nicht auf einmal darum falsch, weil jemand Schlaues einen andersartigen Gedanken einbringt. Political correctness hat mich in der Kindererziehung noch nie weitergebracht, vielmehr habe ich ganz oft beobachtet, daß ein unbefangen urteilendes Kind viel mehr Gerechtigkeitssinn an den Tag legt, als man ihm zutraut. Kinder, wenn sie keine Angst haben und wenn man nicht versucht, sie zu manipulieren, neigen eigentlich nicht Ressentiments. Man muß sie nur mal machen lassen und hinhören, dann zeigen sie von allein so eine Einstellung, wie du sie hier beschreibst. Und das ist ziemlich großartig!

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