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Ich kann es nicht erklären

12/09/2013

Oder kann ich doch?

Ein verpasster Anruf, weil ich gerade mit meinem Kind beim Fußballtraining war. Ein Name im Display.

Herzrasen. Gedankenrasen. Plötzliches Frieren, Zittern. Der Blick wandert hastig zum Kind, das konzentriert dem Ball nachrennt.

Alte Verhaltensregeln wollen sofort wieder in Kraft treten. ‚Er wird erwarten, dass du zurückrufst. Tust du das nicht, wird er sehr enttäuscht sein. Niemand möchte, dass er enttäuscht ist.‘ Panik. Fluchtinstinkt.

In meinem Kopf gibt es Synapsen, die es nicht geben sollte. Monatelang antrainiertes Verhalten, verknüpft mit einer einzigen Person, die ich zu fürchten gelernt habe. Fehlverhalten hatte Strafen zur Folge. Es war wichtig, ihn genau zu beobachten, um genau zu wissen, was von mir erwartet wird. Trotzdem machte ich oft Fehler und wurde bestraft. Daran erinnert sich mein Unterbewusstsein und will mich mit aller Macht dazu bewegen, ja keinen Fehler zu machen. Auf jeden Fall dem unausgesprochenen Befehl Folge zu leisten. Das ist über 5 Jahre her.

Ich zwinge mich, langsamer zu atmen. Logisch zu denken. Er kann mir nichts tun. Weiß nicht, wo wir wohnen. Egal, womit er droht, es ist irrelevant. Er kann alles mögliche wollen. Doch dass er anruft, nicht schreibt, wie er es sonst immer tat, beunruhigt mich. Lässt meinen fest installierten Radar für diese Person völlig ausflippen. Was könnte er wollen? Was ist anders an diesem Mal?

Nächster Schritt. Meinen Kopf zur Ruhe kommen lassen. Auch wenn mein Hirn nicht in der Lage ist, dieses Training zu vergessen, kann es inzwischen parallel dazu Beschlüsse fassen. Nein sagen. Entscheiden, dass er sich wieder melden wird, wenn es wichtig war. Dass ich ihm nichts schuldig bin, schon gar nicht Gehorsam. Dass ich stärker bin als die Panik.

Ich bin nämlich nicht verrückt.

Mein Sohn hat seinen Vater bisher dreimal gesehen. Er weiß nicht, wer der nette Mann wohl ist, und ich glaube, das ist für den Moment gut. Von einem „Papa“ dürfte er erwarten, dass er sich regelmäßig meldet, dass er sich für ihn interessiert und um ihn kümmert.
Man mag mich als egoistisch verurteilen, oder unterstellen, ich wollte ihm etwas heimzahlen. Doch dabei bedenken: Er meldet sich etwa einmal im Jahr. Dieses Jahr das zweite Mal. Entweder verspricht er mir, uns nicht vergessen zu haben und sich bald ändern zu wollen, oder er droht mir mit Klagen, dem Familiengericht oder dem Jugendamt. Mein Kind wird früh genug erfahren müssen, dass sein Vater unberechenbar und unzuverlässig ist. Solange er Kind ist und die Tragweite nicht erfassen kann, werde ich ihm diese Erfahrung ersparen.

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4 Kommentare
  1. I am with you. Always.

  2. Ich lese deinen Artikel und fühle mich irgendwie wie auf einem Ausflugsschiff, von dem ich im Vorbeifahren einen Blick auf die Spitze eines Eis-bergs werfen kann.

    Ich wünsche dir für offenbar viele komplizierte und schwierige Dinge viel Kraft und Stärke.

    Und ich nehme mir vor, regelmäßig an der Spitze vorbeizufahren. Selbst wenn ich nicht mehr tun kann, als irgendwas zuzurufen.

  3. muellermanfred permalink

    Gut, daß du immer darauf achtest, von guten Leuten umgeben zu sein. Die Angst wird sich sicher irgendwann legen, aber achtsam mußt du bleiben.

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