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Any way, Russland?

08/03/2012

Überraschenderweise hat Russland einen neuen, alten Präsidenten. Wladimir Putin hat mit mickrigen 65,3 Prozent aller Stimmen doch noch einmal gewonnen.

Das führt zu den vielfältigsten Nachrichten und Kommentaren, die erstaunen, kopfschütteln lassen und nachdenklich mach. Mich.

Zunächst mal: Gerhard Schröder wird nach seiner Meinung gefragt. Warum eigentlich?

Herrn Schröder und Herrn Putin verbindet eine lange Geschäftsbeziehung, und gut finden tun sie sich auch. Was genau wird also erwartet, wenn ein Gerhard Schröder nach seiner Meinung zur Präsidentschaftswahl in Russland und deren vorhersehbaren Gewinner gefragt wird? Herr Schröder wird es sich kaum mit dem wichtigsten Einflussnehmer auf Gazprom, dessen Aktionärsausschuss er vorsitzt, verscherzen.

Vielleicht weiß Gerhard Schröder etwas über unübliche Vorgänge bei diesen Wahlen. Dann wäre es mit sehr viel Pech sogar mehr als ein politischer Selbstmord, darüber öffentlich oder überhaupt zu sprechen. Was hätte er davon? Bei Gazprom würde er abgesägt, kein Kaviar und Champagner mehr im Kreml – alle netten Spielereien, mit denen man in der russischen Oberliga nicht geizt, würden gestrichen.

Vielleicht weiß er wirklich nichts von Ungereimtheiten. Wozu Kritik in Russland führt, zeigen die Verhaftungen und Urteile über Oppositionelle, Kritiker und Regimegegner immer wieder. Wieso als Gerhard Schröder mit denen tauschen?

Am Ende erwartete wohl jeder das, was eingetreten ist, nämlich zumindest einen, der bestätigt, dass Wladimir Putin ein „lupenreiner Demokrat“ ist.

Herr Schröder ist nicht als Politiker in Russland, er arbeitet nicht als Bundeskanzler mit Herr Putin zusammen. Inzwischen ist er Geschäftsmann. Und Geschäftsleute orientieren sich seltener als man gern erwarten würde an Gerechtigkeit, Menschenrechten, öffentlicher Ordnung und all dem, denn an Geld. Wie sicher ist es, dass Gazprom weiter ein gut laufender, geölter Motor ist, wenn da auf einmal kein Putin mehr hinter sitzt (egal ob mit Medwedew-Maske oder ohne)? Richtig.

Den Kopf schütteln tu ich außerhalb von entsprechenden Konzerten im Augenblick, wie jedes Mal wieder, über die sogenannte Transparenz. Natürlich ist es transparent, wenn Medien in Europa berichten dürfen, wie Menschen, die mit Putins Regierung nicht einverstanden sind, zu zigjährigen Haftstrafen verurteilt werden. Natürlich sind auch durchsichtige Plexiglaswahlurnen sehr transparent. Natürlich sind auch Kameras in den Wahllokalen irgendwie transparent.

Trotzdem neige ich dazu, das „russische Transparenz“ zu nennen – auch wenn Russland nicht dass einzige Land ist, das sich darauf versteht. Ganz diplomatisch hat der Rest der Welt genau das von Putin gefordert: Transparenz. Sicherheitshalber wurden Stiefkinder wie „Wahlbetrug“, „“Einschüchterung“ und „Kaffeefahrten zum Wahllokal“ lieber nicht beim Namen genannt. Irgendwie ist ja jeder ein bißchen abhängig vom Wohlwollen des Halbmonarchen Putin. Und die Forderung, das alles diesmal sein zu lassen, führt unweigerlich zu dem Vorwurf, es das letzte Mal getan zu haben. Wohlwollen adé, Russland beleidigt.

Also belässt man es bei dem schönen, flexiblen Wort „Transparenz“. Wohl wissend, dass beide Seiten eine genaue Vorstellung davon haben, was gemeint ist. Und dass die angesprochene Seite die bequemste Form der Auslegung wählen wird. Ergebnisse siehe oben.

Und nachdenklich macht mich die Frage nach den Alternativen zu Putin. Wer waren denn die Gegenkandidaten dieses Jahr? Ein Gennadi Sjuganow. Physiker. Er scheiterte bereits das 4. Mal als Putins Herausforderer. Als überzeugter Kommunist wie als scharfer Kritiker Michail Gorbatschows teilt er die Massen in Russland. Kommunismus hat das Land schon einmal nahe an den Abgrund geführt. Nicht jeder Russe von heute trauert der Sowjetunion nach, wie Sjuganow es tut. Unter ihm eine Einheit oder zumindest eine Mehrheit zu versammeln wird also ein Mammutprojekt, dessen sich bisher niemand so recht annehmen will. In der allgemeinen Berichterstattung ist er demnach auch eher eine Randerscheinung.

Dann ein Hoffnungsträger, der mit weniger extremen Ansichten Reklame macht als seine beiden Mitstreiter. Dafür hat Michail Prochorow Geld. Und eine eigene NBA-Mannschaft. Zum einen visiert er an, wovon er etwas versteht, nämlich das weltweit höchste Durchschnittseinkommen für Russland. Auch macht er Hoffnungen, wenn auch sehr interpretative, auf weniger Denker hinter Gittern. Demnach könnte der stets inhaftierte Michail Chodorkowskij unter ihm Regieruungschef werden – ein Meilenstein. Wäre es. Andere Stimmen hingegen bemängeln, dass er nie offen Kritik an Herrn Putin übt. Frage für mein Verständnis: Was würde das nützen? Millionen schützen in Russland für gewöhnlich nicht vor Knast und Arbeitslager.

Zu guter Letzt Wladimir Schirinowski. Entschuldigung, ich musste kurz husten. Weltfremd wie man es selten erlebt, ist Herr Schirinowski kommunikativer Grobmotoriker, Nationalsozialist par excellénce und würde an der Macht zur Gefahr, wie es zuletzt Adolf Hitler und Nazideutschland waren. Man beachte seinen Vorschlag, russische Atombomben im Atlantik zu zünden, um Großbritannien zu überfluten. Wer braucht die schon. Glücklicherweise gibt es in Russland eine Menge Wähler mit gesundem Menschenverstand, die Herrn Schirinowski nicht einmal deshalb als Alternative sehen, weil er nicht Putin heißt.

Letzten Endes hat keiner der drei auch nur 20 % der Stimmen eingesackt. Wladimir Putin ist erst 59, gesund und pflegt einen unausgeschweiften Lebensstil. Von Ruhestand oder persönlich bedingtem Machtwechsel weit entfernt. Dimitri Medwedew ist sogar erst 46, mag also mit Glück noch viele weitere Jahre als Vorwand dienen.

Auch nach allem Getöse, nach Aufruhr und bösen Kommentaren auf Youtube und bei bild.de – sehen wir wirklich, dass sich für Russland, mit seiner Nähe, in die doch niemand einreisen darf, mit seinen Atombomben, seinem Öl und seiner Paranioa, in den nächsten 30 Jahren etwas ändern wird? Realistisch?

Ich weiß es nicht.

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