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Neue Schule – neue Chance

Heute ist etwas Tolles passiert.

Obwohl es erst gar nicht so aussah. Mein Junior ist ja seit dem Sommer ein Großer: ein Fünftklässler. Adé, Grundschule.

Er hat dem mit gemischten Gefühlen entgegengesehen in den Sommerferien. Dann war die Einschulung da, der große Tag, Oma und Opa waren da, zwei von Herzen gewünschte Klassenkameraden sind das auch geworden, obwohl sich bei der Anmeldung nur ein Name gewünscht werden durfte, alles war sehr aufregend.

Was wir da schon wussten: Im September geht es auf zweitägige Kennenlernfahrt. Nicht weit weg, 15 Autominuten, aber eine andere Welt.

Besonders für mein aufregendes Kind, das in der Grundschule nur für eine von vier Nächten mit zur Klassenfahrt durfte, nur in Begleitung einer Schulassistentin und mit Mama jederzeit auf Abruf bereitstehend.

Heute Vormittag ging es los.

Abends um kurz vor sechs dann der Anruf, von dem ich gehofft hatte, dass er ausbleibt: „Es gab Streit, er ist sehr wütend geworden.“ Was nicht kam: „Holen Sie ihn bitte sofort ab.“. Oder die altbekannten Floskeln „Alle anderen waren SO lieb!“ und „K. lässt sich einfach nicht kontrollieren.“ und dergleichen mehr.

Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, dass meinem Kind pauschal die Schuld für Konflikte gegeben wird. Mein kleiner Großer ist davon völlig frustriert, und das zu recht. Es war von meiner Seite aus in Richtung Grundschule dennoch kein Durchkommen.

Als ich heute aber zur Jugendherberge kam, saß ich einer Lehrerin gegenüber, die sofort verstand, wie er sich fühlen muss.

Junior war in Streit geraten mit einem Kind, das schon in der Grundschule in seiner Klasse war. Dieses Kind hat es ähnlich faustdick hinter den Ohren, doch der Vater saß im Klassenelternbeirat. Für seine Grundschullehrkraft ergab sich stets der Schluss, dass das Kind eines Elternvertreters kein Wässerchen trüben kann. Nicht ein Mal wurde damals auch nur in Erwägung gezogen, dass jemand außer meinem Sohn für Konflikte sorgen könnte.

Dieser Vater ist übrigens ein freundlicher, gutmütiger Mensch, der auch jetzt wieder in der Elternvertretung sitzt, weil er Lust auf das Engagement hat. Wer weiß, wie gut meine Menschenkenntnis ist, aber er möchte sichergehen, dass sein Kind eine tolle Schulzeit hat, nicht, dass er bitte machen kann, was er will.

Zurück zu heute:

Seine aktuelle Klassenlehrerin ließ sich erst von mir unter vier Augen die Situation und den Weg hierher erklären. Dann mich in Ruhe allein mit meinem Kind sprechen. Das tatsächlich davon ausging, der andere dürfe mit Stöcken werfen und schlagen, nur bei ihm selbst sei das schlimm und falsch. Und das nicht verstand. Natürlich nicht! Wieso sollte es denn auch in Ordnung sein und ungeahndet bleiben, dass er Schrammen und blaue Flecken davonträgt, während er selbst wegen eines Stockwurfs mit Ausschluss bedroht wird?

Hier denke ich, dass sehr deutlich wird, welches Ungleichgewicht in den letzten Jahren da geherrscht hat, und welche Folgen das für mein Kind hatte.

Und hier kommt das Tolle: Die Lehrerin, die sich aufgeschlossen und interessiert seine Version des Geschehens angehört hat, ihm im Einklang mit mir versicherte, dass Stöckewerfen kein bisschen richtiger ist, wenn ein anderes Kind das tut, dass das auch Konsequenzen haben wird. Die klar mitteilte, dass sie weiß, dass auch der andere „Dreck am Stecken“ hat und Junior deshalb nicht unglaubwürdig ist.

Die ohne eine weitere Ermahnung oder irgendein „Aber“ meinem Kind herzlich eröffnete, wie gern gesehen er ist, dass er doch bitte bleiben soll, dass sie ihn dabei haben möchte. Sein schüchternes Lächeln ob dieser Eröffnung.

Und ihre Brofist mit dem Motto „Denk dran: Neue Schule – neue Chance!“

Egal, ob noch etwas kommt, und was es auch sein mag: Heute bin ich dankbar.

Kriminelle abschieben?

Mich lässt ein Gedanke gerade nicht los, deshalb führe ich ihn mal aus.

Es gibt ja viele Menschen, die einerseits danach rufen, „kriminelle Ausländer abzuschieben“, andererseits aber selbst davon überzeugt sind, weder Rassisten noch Nationalsozialisten zu sein.

(Vorab: Ich bin selbst keine Juristin und hoffe, mich da jetzt legislativ nicht zu sehr zu versteigen.)

Wenn davon ausgegangen wird, dass Menschen abschiebbar sind, muss es sich dabei um Menschen handeln, die Asyl beantragt haben, weil sie in ihrem Ursprungsland um ihr Leben oder zumindest ihre Unversehrtheit fürchten müssen.

Das heißt also, die Forderung lautet, diese Menschen einer Lebensgefahr auszusetzen als Strafe für ein undefiniertes Vergehen.

Faktisch nimmt diese Forderung in Kauf, die Todesstrafe anzuwenden, auch, wenn der abschiebende Staat sie nicht vollstreckt.

Da aber noch im Raum steht, dass die Fordernden keine Rassisten oder Nationalsozialisten sind, möchten sie also nicht, dass Menschen anderer Nationalität anders behandelt werden. Folglich hieße das, sie befürworten auch in ihrer eigenen Heimat die Wiedereinführung von Todesstrafe, körperlichen Züchtigungen und Verstümmelung. In vielen Fällen geschähe das nämlich diesen „kriminellen Ausländern“ in ihrem Ursprungsland.

Dagegen sähe ich die gleichen Menschen zum Großteil auffahren und behaupten, das selbstverständlich nicht zu wollen.

Also doch Rassisten und Nationalsozialisten? Menschen aus anderen Ländern droht also viel Schlimmeres als Menschen aus unserem Land für die gleichen Vergehen?

Gelten Menschenrechte nicht für alle Menschen gleich?

Entweder: Doch. Dann ist Abschiebung definitiv nicht die Antwort und Asyl- und Strafrecht bleiben wie bisher in verschiedenen Gesetzbüchern, wo sie hingehören, und Menschen verschiedener Herkunft sind vor dem Gesetz gleich.

Oder: Nein. Wir sind die besseren Menschen und haben mehr Recht auf Leben, Würde und unversehrtheit. Wir sind dann aber sehr wohl Rassisten und Nationalsozialisten, mögen nur die Wörter nicht so.

Aber Mutterglück!

Wie rückgratlos die Gesellschaft doch ist.

Ich darf auf gar keinen Fall abtreiben – muss das Recht eines anderen auf Leben über mein eigenes stellen.

Darf auf gar keinen Fall bereuen, Kinder bekommen zu haben – hab ich mir ja schließlich so ausgesucht.

Darf auf gar keinen Fall etwas für mich wollen – Mutterpflichten gehen bekanntlich über alles.

Auf gar keinen Fall mit etwas überfordert sein – selbstverschuldetes Totalversagen demonstriert.

Auf keinen Fall keine perfekten kleinen Genies heranziehen – was stimmt nur nicht mit mir?

Pflichten einzufordern und auf Rechte zu pochen, das beherrscht der allgemeine Konsens.

Pflichten nachzukommen und Rechte zu gewähren, das darf gern noch geübt werden.

Sei doch nicht so

Sei doch nicht so, sei anders, sei besser,

nicht so ein Mittelding, nicht Gabel, nicht Messer.

 

Höre ich, seit ich denken kann,

meinte sogar früher, da sei etwas dran.

 

Sei nicht laut und wild, sei nicht unüberlegt,

sei nicht dumm, sei nicht faul, sei nicht aufgeregt.

Sei bloß nicht naiv und sei nicht so sehr du,

sei nicht transusig, störrisch, sag mal, hörst du zu?

 

Sei nicht so verträumt, sei im hier und jetzt,

sei nicht so selbstsicher, sei nicht verletzt.

Sei nie unbequem, sei nicht grob und nicht stur,

sei nicht so empfindlich, sei nie forscher Natur.

 

Sei höflich und freundlich, warte ab, eh du sprichst.

Sei ehrlich, es sei denn, was du sagst, gehört sich nicht.

 

Also bin ich nicht so, seit ich wusste, was „so“ ist,

bin anders, bin besser, Gutmensch, Optimist,

Gäbe mir niemals selbst einen Zügel zur Hand,

wer weiß, was passierte? Ich nicht, Gott sei Dank.

 

Doch das Kind, das ich war,

es ist immer noch da.

Es konnte nie erreichen,

den Geschwistern zu gleichen.

 

Sei doch mehr so, was ist nur passiert?

Hab Abi, sei studiert oder gut situiert!

Was dabei rauskam, war allen recht.

 

Was das betrifft, machst du es auch wieder schlecht.

Keine Konstante, kein Eheversprechen,

kein blitzsauberes Heim und nur Kleider mit Flecken.

 

Keine Visitenkarte, kein Bausparvertrag,

was alle sich fragen: Wann kommt nun der Tag

an dem man sich endlich, trotz all deinem Stuss,

um dich keine Sorgen mehr machen muss.

 

Ewig machst du die Fehler, die jeder sonst ahnte,

beschwörst genau das Unheil, das sich eh schon bahnte.

Machst grad gut genug, was du wenigstens kannst,

doch verlang dafür bitte nicht noch Toleranz!

 

Solang du perfekt bist, sind wir sehr zufrieden,

doch wehe, es kommt einmal ein Unentschieden,

dann sei dir gewiss, wir werden dich richten,

komm du uns dann bitte nicht mit sowas wie schlichten.

Der Kriegsrat wird dann mit uns allen entscheiden,

was zu tun ist, um dich schlimmstens auszuweiden,

um sicherzugehen und festzuhalten,

wie wichtig für uns es ist, dich kurz zu halten.

 

Vor alledem stehe ich seit Jahr und Tag.

Und was ich inzwischen mich manchmal doch frag:

Wie lang es wohl noch dauert, bis irgendwann

ich all diesen Unfug nicht mehr hören kann.

 

Dies Kind war nicht einfach, war schwierig und störrisch,

war unehrlich, aufsässig, bockig und mürrisch,

doch hat es gelernt, was ist falsch und richtig,

was sich gehört und geziemt und was ist nichtig.

 

Diese Frau ist nicht länger ein Fünkchen bereit,

egal über die Dauer welcher langen Zeit,

noch einen Tag länger irgendwas zu erdulden,

das schon das Kind nicht hatte allein zu verschulden.

 

Seid ihr erwachsen, seid ihr tolerant,

seid ihr im Jetzt und hier und in diesem Land,

seid ihr diejenigen, auch wenn’s schwerfällt,

die einsehen, dass daran etwas quer fällt!

 

Ich bin nicht mehr 15 und auch nicht mehr dumm.

Ich kaue nicht mehr auf dem Gestern herum.

Nicht eine Minute will ich mehr verbringen

damit, diesem Gestern einen Sinn abzuringen.

 

Das war’s, damit will ich auch nicht weiter stören

und sage sehr ausgesucht: Auf Wiederhören!

Welt, kopfstehend

Habe ich nicht noch vor ein paar Monaten behauptet, dass so vieles dafür spricht, allein zu bleiben? So vieles sagte mir, wie gut ich daran tue, mit mir selbst zufrieden zu sein. Niemanden an mich heran zu lassen, damit niemand feststellt, wie achterbahnig mein Leben ist, wie herausfordernd ein Weg an meiner Seite wäre, wie viele Gründe es gäbe, diesen Weg nicht zu wählen.

Aber ich habe mich scheinbar getäuscht, denn da ist jemand. Jemand ist einfach in meinem Leben erschienen, hat es total umgekrempelt, ohne es wirklich zu berühren, und hat mich überzeugt, dass es wohl mehr Möglichkeiten gibt als diese.

Ich weiß immer noch nicht, wie ich diese Information verarbeiten soll, aber ich bin glücklich. Glücklich über jeden Moment in seiner Gegenwart, denn er entspannt mich, entschleunigt mich, gibt mir nie gekannte Sicherheit. Glücklich über das Wissen, dass er da ist, auch, wenn er nicht da ist. Darüber, wie er ist. Hinnimmt, dass alles komplizierter ist, wenn man meine Vorgeschichte mitbringt. Wie er mich atmen lässt. Wie er mich auffängt und gleichzeitig frei lässt. Der da ist, klug und still und umfassend, mich sieht, wie ich bin, und dennoch bleibt.

Vielleicht hab ich plötzlich diese Liebe gefunden, die ich für mich selbst immer verleugnet habe, weil unmöglich.

Vielleicht möchte ich nie wieder eine andere mögliche Zukunft gelten lassen.

Wenn Du wegen Facebook drüber stolperst, mein Herz: Ja, mein ich alles ernst. Du bist einzigartig in meinem Kosmos und ich liebe Dich wahnsinnig.

Jetzt wird es persönlich.

Das hier geht an meine Freunde. Freunde wie Annika und Torsten. Fabian. Björn. Nils und Melli. Anika. Heiko und Nadine. Marc und Tina. Flemming. Andreas. Detlef. Oliver. Ines. (Das mögen für viele von euch nur irgendwelche Vornamen sein. Für mich ist jeder davon ein ganzer Kosmos.)

Freunde, die ich seit 15 oder mehr Jahren kenne und in den letzten 5 Jahren vielleicht dreimal gesehen habe. Ihr wisst, wer ihr seid.

Ich habe viel mit euch geteilt. Es gibt viele Erinnerungen, die uns nie trennen werden.

Es tut mir leid darum, dass wir so wenig Zeit miteinander hatten in letzter Zeit. Und haben werden. Mein aktueller Alltag gibt es nicht her, dass ich einfach mal abends Zeit habe oder am Wochenende weggehe.

Aber ich vermisse euch. Und ich zähle die Tage, bis ich nicht mehr nur Fotos und Facebook-Posts like. Ich hoffe, ihr ertragt meine Abwesenheit noch so lange, bis ich wieder als anwesend gelten kann. ❤

ADHS in klein

Mein Junior bekommt ja seit einer Weile ein Medikament, Elvanse, 40mg/Tag.

Eine Weile – etwa 1,5 Jahre.

Seit gestern nimmt er noch 30mg.

Wir, er und ich, haben das zusammen beschlossen.

Es war meine Idee, auf die ich stolz bin. Denn Elvanse hilft in vielem. Doch es hemmt den Appetit enorm.

Mein Großer wiegt aktuell bei einer Größe von 1,34m nur etwa 27kg.

Ich musste also etwas tun. Was ich tat, war einen Vorschlag zu machen. Ihm nämlich 10mg weniger Medikament am Tag zu geben. Was sein Therapeut erfreut billigte. Das heißt nicht nur weniger Wirkstoff. Das heißt für ihn auch, den ganzen Tag essen zu können. Das heißt, dass sein Körper nicht den ganzen Tag unbemerkt hungert und Stresshormone ausschüttet. Das heißt, dass er vieles einfacher sieht und nimmt. Dass er weniger von sich selbst angestachelt wird und weniger gereizt und aggressiv ist.

Es scheint sich zu bewähren, denn es tut ihm unheimlich gut.

Und ich habe die Hoffnung, dass ihm das grandios hilft. Ich möchte ihn gern wieder sehr viel lachen sehen.

❤️